Aachen – Eine kleine Wohnung bleibt dauerhaft, weitere Zimmer kommen bei Bedarf dazu oder gehen zurück: Das ist die Idee des Projekts „Nukleuswohnen“, das Professor Florian Fischer-Almannai an der RWTH Aachen vorantreibt. Die Hochschule veröffentlichte dazu ein Interview mit ihm und Professorin Agnes Förster. Umgesetzt wurde das Konzept dieses Jahr in einem Leipziger Plattenbau.
Ausgangspunkt ist laut Fischer-Almannai, dass der Raumbedarf im Leben schwankt. Wenn Kinder ausziehen oder sich die Lebensumstände ändern, sinke der Platzbedarf häufig. Zugleich wollten viele Menschen langfristig in Wohnung und Umfeld bleiben. Eine auf die platzintensivste Phase zugeschnittene Wohnung werde später zu groß, eine kleine reiche womöglich nicht mehr aus.
Die Grundwohnung, etwa mit zwei Zimmern, bleibt immer bestehen. Dort liegen private Küche und Bad, Möbel können dauerhaft aufgestellt werden. Zusätzliche Zimmer liegen nicht in der Wohnung, sondern etwa auf der anderen Seite eines gemeinschaftlich genutzten Flurs. So werde die Wohnungsgrenze flexibler, ohne dass die Privatsphäre ganz aufgegeben werde. Umfasst ein Haus oder eine Nukleus-Subgemeinschaft acht bis zehn Wohnungen oder Haushalte, kann nach Angaben von Fischer-Almannai eine überschaubare Gemeinschaft entstehen.
Förster verwies darauf, dass zur baulichen Struktur eine organisatorische Aufgabe gehört. Jemand müsse Belegungen koordinieren, Veränderungen begleiten und zwischen den Bewohnern vermitteln. Oft werde daran gespart, Ehrenamtliche füllten dann die Lücke. Fischer-Almannai sagte, es genüge nicht, Mietverträge abzuschließen und auf eine Gemeinschaft zu hoffen. Denkbar seien ein weitgehend selbstverwaltetes Zusammenleben ebenso wie professionelle Betreuung.
Von Mai bis September zogen einige Mieterinnen und Mieter probehalber ein. Die Gruppe sei sehr offen für das Experiment gewesen, so Fischer-Almannai. Die eigene Wohnung bleibe als Rückzugsort wichtig, zugleich fänden Begegnungen im Flur statt. Förster ergänzte, Gemeinschaft entstehe in Mietshäusern oft selbstverständlich, etwa im Treppenhaus. Wohnformen ließen sich nicht wie Medikamente prüfen, sagte Fischer-Almannai. Auf einem angespannten Wohnungsmarkt sei das Risiko einer Veränderung größer, daher seien Pilotprojekte wie der temporäre Wohndemonstrator wichtig.
Beide arbeiten als beratende Fachleute bei Acatech, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften. Förster leitete über mehr als drei Jahre die Arbeitsgruppe 2 „Stadt- und Quartiersentwicklung“ des Projekts „Bauen & Wohnen: Plattform für Vernetzung, Synthese und Transfer“ mit. Daran arbeiteten rund 40 Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Praxis und Politik. Bei der Abschlusskonferenz „Bestand neu gestalten – Perspektiven für bezahlbares Wohnen in der Stadt“ hielten beide eigene Beiträge. Die Ergebnisse erschienen in zwei Acatech-Impulsen, für Kommunen und kommunale Einrichtungen sowie für Bund und Länder.
Zur Rolle von Staat, Genossenschaften und Investoren sagte Fischer-Almannai, Wohnen solle als soziale Infrastruktur organisiert werden, ohne Bodenspekulation und mit nur moderaten Überschüssen. Er hält eine deutlich höhere Besteuerung von Erbe und Vermögen für einen Weg, öffentliche Investitionen zu finanzieren. Förster warnte davor, alle Probleme über einen einzigen Mechanismus lösen zu wollen. Kommunen sollten wichtige Grundstücke über Vorkaufsrechte sichern können und nicht gezwungen sein, sie zu verkaufen, um Haushaltslöcher zu schließen.
Kommentar der Redaktion
Das Interview macht die Idee anschaulich, lässt aber offen, wie viele Testwohnende es gab und was die zusätzlichen Zimmer kosten. Interessant ist der Hinweis, dass Gemeinschaft Pflege braucht. Wer ein solches Modell plant, sollte die Frage nach dem Kümmerer früh klären.

